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Kollektivvertrag in Österreich 2026 - welcher gilt, wie Sie eingestuft werden und warum die KV-Erhöhung nicht Ihre Erhöhung ist

Aktualisiert am 15. August 2026·Redaktion finfo.at

Österreich hat keinen gesetzlichen Mindestlohn. Was Sie mindestens verdienen müssen, steht in einem der über 450 Kollektivverträge, die die Gewerkschaften nach Angaben der Arbeiterkammer Jahr für Jahr neu aushandeln - branchenweise, mit eigenen Gehaltstabellen, eigenen Zuschlägen und eigenen Stichtagen.

Welcher davon für Sie gilt, entscheidet nicht Ihr Beruf. Es entscheidet der Betrieb, in dem Sie arbeiten. Eine Buchhalterin im Hotel fällt unter den Hotel- und Gastgewerbe-Kollektivvertrag, nicht unter einen Buchhaltungs-KV - denn maßgeblich ist die Gewerbeberechtigung des Arbeitgebers und dessen Fachgruppenzugehörigkeit in der Wirtschaftskammer.

Und dann ist da die Zahl, die jedes Jahr im Herbst durch die Nachrichten geht. Im Metallgewerbe stiegen die Mindestlöhne zum 1. Jänner 2026 um 2,2 Prozent - die tatsächlich gezahlten Löhne aber nur um 1,8 Prozent, gedeckelt mit 85 Euro. Wer über dem Kollektivvertrag verdient, bekommt fast nie die Erhöhung, die in der Schlagzeile steht.

Welcher Kollektivvertrag für Sie gilt

Maßgeblich ist die Branchenzugehörigkeit des Arbeitgebers, nicht Ihre Tätigkeit und nicht Ihre Gewerkschaftsmitgliedschaft. Die Wirtschaftskammer formuliert es an genau diesem Beispiel: Wer im Hotel die Buchhaltung führt, arbeitet nach dem Kollektivvertrag des Hotel- und Gastgewerbes.

Auf Arbeitgeberseite sind vor allem die Fachverbände der Wirtschaftskammer kollektivvertragsfähig, auf Arbeitnehmerseite der ÖGB. Für Banken und Versicherungen verhandeln eigene Arbeitgeberverbände, deren Abschlüsse den Wirtschaftskammer-Kollektivverträgen vorgehen.

Drei Punkte entscheiden in der Praxis:

  • Mehrere Gewerbeberechtigungen. Betreibt ein Arbeitgeber mehrere Betriebe, die verschiedene Gewerbeberechtigungen erfordern, gilt je Betriebsstätte der zugehörige Kollektivvertrag.
  • Branchen ohne Kollektivvertrag. Es gibt sie - die Wirtschaftskammer nennt etwa Freizeit- und Vergnügungsbetriebe. Dann zählt allein, was schriftlich vereinbart wurde.
  • Der Dienstzettel. Welcher Kollektivvertrag anwendbar ist und in welche Gruppe Sie eingestuft sind, muss dort stehen.

Nachlesen können Sie ihn im Betrieb. Nach § 15 ArbVG muss jeder kollektivvertragsangehörige Arbeitgeber den Kollektivvertrag binnen drei Tagen nach der Kundmachung in einem für alle Arbeitnehmer zugänglichen Raum auflegen und in einer Betriebskundmachung darauf hinweisen.

Warum der KV auch ohne Gewerkschaftsmitgliedschaft gilt

Er gilt für Sie, ob Sie Gewerkschaftsmitglied sind oder nicht. Das regelt § 12 ArbVG unter dem Titel Außenseiterwirkung: Die Rechtswirkungen treten auch für Arbeitnehmer eines kollektivvertragsangehörigen Arbeitgebers ein, die selbst nicht kollektivvertragsangehörig sind.

Entscheidend ist also nur eines - dass Ihr Arbeitgeber der kollektivvertragsfähigen Körperschaft angehört. In Österreich ist das über die Pflichtmitgliedschaft in der Wirtschaftskammer für die allermeisten Betriebe automatisch der Fall. Das ist der Grund, warum die Kollektivverträge hierzulande fast flächendeckend wirken, obwohl längst nicht alle Beschäftigten organisiert sind.

Das Günstigkeitsprinzip: nach oben offen, nach unten dicht

Ihr Arbeitsvertrag darf vom Kollektivvertrag abweichen - aber nur zu Ihren Gunsten. § 3 ArbVG sagt, dass kollektivvertragliche Bestimmungen durch Betriebsvereinbarung oder Arbeitsvertrag weder aufgehoben noch beschränkt werden können. Sondervereinbarungen sind nur gültig, soweit sie für den Arbeitnehmer günstiger sind oder Dinge betreffen, die der Kollektivvertrag gar nicht regelt.

Der zweite Absatz ist der, den man in Verhandlungen kennen sollte: Geprüft wird nicht Einzelpunkt gegen Einzelpunkt, sondern im Gruppenvergleich. Zusammenzufassen und gegenüberzustellen sind jene Bestimmungen, die in einem rechtlichen und sachlichen Zusammenhang stehen. Ein höheres Gehalt kann also einen schlechteren Punkt aus demselben Zusammenhang aufwiegen - ein zusätzlicher Urlaubstag hingegen macht ein zu niedriges Gehalt nicht zulässig, weil Geld und Urlaub verschiedene Sachbereiche sind.

Einstufung: Verwendungsgruppe und Berufsjahre

Ihr Mindestgehalt ergibt sich aus zwei Koordinaten - der Verwendungsgruppe und den anrechenbaren Berufsjahren. Die Verwendungsgruppen beschreiben Tätigkeiten und Qualifikationsmerkmale; bei Angestellten kommt fast immer eine Staffelung nach Berufs- oder Dienstjahren dazu, die in festen Abständen aufsteigt.

Der häufigste Fehler liegt beim ersten Wert. Für die Einstufung zählt die tatsächlich ausgeübte Tätigkeit, nicht die Berufsbezeichnung im Vertrag und nicht der Titel auf der Visitenkarte. Wer über Jahre Aufgaben einer höheren Gruppe übernimmt, ohne umgestuft zu werden, arbeitet unter seinem Anspruch - und das lässt sich nachfordern.

Drei Punkte, die den Unterschied ausmachen:

  1. Tätigkeitsprofil schriftlich festhalten. Wer welche Aufgaben seit wann erledigt, ist im Streitfall die entscheidende Frage - und im Nachhinein schwer zu rekonstruieren.
  2. Vordienstzeiten geltend machen. Viele Kollektivverträge rechnen einschlägige Vorbeschäftigungen auf die Berufsjahre an, aber nur, wenn sie beim Eintritt nachgewiesen werden. Zeugnisse gehören deshalb vor der Unterschrift auf den Tisch, nicht Jahre später.
  3. Die Gehaltstabelle selbst lesen. Die Einstufung im Dienstzettel ist eine Behauptung des Arbeitgebers, keine Garantie. Erst der Abgleich mit der aktuellen Tabelle des eigenen Kollektivvertrags zeigt, ob sie stimmt.

KV-Lohn und Ist-Lohn: der Unterschied, der Ihre Erhöhung bestimmt

Der KV-Lohn ist die Untergrenze, der Ist-Lohn das, was tatsächlich überwiesen wird. Liegt Ihr Gehalt über der Tabelle, ist die Differenz eine Überzahlung - und die steigt nicht automatisch mit, wenn die Kollektivvertragsparteien eine Erhöhung beschließen. Die Arbeiterkammer sagt es unmissverständlich: Wurde nur eine Erhöhung der KV-Löhne vereinbart und verdienen Sie darüber, haben Sie keinen Anspruch auf eine Erhöhung, sofern Sie diese nicht im Arbeitsvertrag vereinbart haben.

Wie unterschiedlich die Branchen das lösen, zeigen die Abschlüsse für 2026:

Branche (Geltung ab 1.1.2026) KV-Mindestlöhne Ist-Löhne
Metallgewerbe, Arbeiterinnen und Arbeiter + 2,2 % + 1,8 %, höchstens 85 Euro
Metallgewerbe, Angestellte + 2,2 % (Gruppen I bis IV und Meister), + 95 Euro (Gruppen V und VI) + 1,8 %, höchstens 95 Euro
Handel, Angestellte + 2,55 %, aufgerundet auf den vollen Euro keine eigene Erhöhung, die Überzahlung bleibt im Euro-Betrag erhalten
Gewerbe, Handwerk und Dienstleistung, Angestellte + 2,70 % im Abschluss nicht gesondert geregelt

Was das für ein konkretes Gehalt bedeutet, rechnet sich in zwei Zeilen. Eine Handelsangestellte hat 2025 ein KV-Mindestgehalt von 2.200 Euro und bekommt tatsächlich 2.400 Euro - 200 Euro Überzahlung. Zum 1. Jänner 2026 steigt die Tabelle um 2,55 Prozent auf 2.256,10 Euro, aufgerundet also 2.257 Euro. Die Überzahlung bleibt betragsmäßig bestehen, das neue Gehalt ist damit 2.457 Euro.

Das sind 57 Euro mehr - auf 2.400 Euro gerechnet eine Erhöhung von 2,38 Prozent statt der verkündeten 2,55. Je größer die Überzahlung, desto größer der Abstand: Wer 2.900 Euro verdient, bekommt dieselben 57 Euro, das sind 1,97 Prozent.

Der Deckel wirkt in dieselbe Richtung. Ein Angestellter im Metallgewerbe mit 4.000 Euro erhält 1,8 Prozent, also 72 Euro, und bleibt damit unter der Grenze von 95 Euro. Bei 6.000 Euro wären 1,8 Prozent schon 108 Euro - gezahlt werden 95, was effektiv 1,58 Prozent entspricht.

Wer eine Anpassung des eigenen Gehalts sichern will, braucht sie im Arbeitsvertrag: eine Klausel, die den Ist-Lohn an die jährliche KV-Erhöhung koppelt. Ohne sie schrumpft die einmal verhandelte Überzahlung Jahr für Jahr, ohne dass jemand etwas kürzt. Was am Ende netto übrig bleibt, zeigt der Brutto-Netto-Rechner.

Was der Kollektivvertrag außer dem Lohn regelt

Das 13. und 14. Monatsgehalt stehen in keinem Gesetz. Dass es sie in Österreich fast überall gibt, ist eine Leistung der Kollektivverträge - Anspruch, Höhe und Auszahlungstermin von Weihnachtsgeld und Urlaubsgeld ergeben sich aus ihnen.

Wie konkret solche Regelungen werden, zeigt der Kollektivvertrag für Angestellte in Gewerbe, Handwerk und Dienstleistung ab 1. Jänner 2026: Der Nachtarbeitszuschlag beträgt 2,62 Euro pro Stunde, das Nächtigungsgeld 17,00 Euro, das Kilometergeld 0,50 Euro bis 15.000 Kilometer und darüber gestaffelt 0,48 und 0,46 Euro. Die Lehrlingseinkommen stiegen dort um 3,0 Prozent.

Regelmäßig aus dem Kollektivvertrag kommen außerdem die wöchentliche Normalarbeitszeit, wenn sie unter 40 Stunden liegt, Zuschläge für Überstunden, Sonn- und Feiertagsarbeit, Regelungen zu Zeitausgleich sowie Verfallsfristen für Ansprüche. Auch für Teilzeitkräfte und geringfügig Beschäftigte gilt er, anteilig zur Arbeitszeit.

Wenn zu wenig gezahlt wird

Eine Bezahlung unter dem Kollektivvertrag ist verboten, und sie ist strafbar. § 29 des Lohn- und Sozialdumping-Bekämpfungsgesetzes stellt die Unterentlohnung unter Verwaltungsstrafe - ausdrücklich unter Beachtung der jeweiligen Einstufungskriterien, womit auch die falsche Verwendungsgruppe erfasst ist.

Fall Geldstrafe bis zu
Erstfall, Betrieb mit bis zu neun Arbeitnehmern, vorenthaltenes Entgelt unter 20.000 Euro 20.000 Euro
Regelfall 50.000 Euro
vorenthaltenes Entgelt über 50.000 Euro 100.000 Euro
vorenthaltenes Entgelt über 100.000 Euro 250.000 Euro
über 100.000 Euro und vorsätzlich durchschnittlich mehr als 40 Prozent vorenthalten 400.000 Euro

Zwei Konstruktionen im Gesetz sind bemerkenswert. Erstens liegt unabhängig von der Zahl der betroffenen Arbeitnehmer eine einzige Verwaltungsübertretung vor, und auch durchgehende Unterentlohnung über mehrere Lohnzahlungszeiträume zählt als eine. Zweitens sinkt der Strafrahmen auf die jeweils niedrigere Stufe, wenn der Arbeitgeber unverzüglich und vollständig an der Aufklärung mitwirkt.

Für Sie als Betroffene ist die Strafe allerdings Nebensache - sie fließt an die Behörde, nicht an Sie. Was zählt, ist die Nachzahlung, und dabei entscheidet die Zeit. Viele Kollektivverträge enthalten Verfallsfristen, die deutlich kürzer sind als die dreijährige Verjährung für Entgeltansprüche nach § 1486 Z 5 ABGB. Welche Frist gilt, steht nur in Ihrem eigenen Kollektivvertrag - und wer sie verstreichen lässt, verliert den Anspruch, obwohl die Forderung berechtigt war. Die Arbeiterkammer prüft die Einstufung für Mitglieder kostenlos; der Weg dorthin sollte vor dem Ablauf der Frist beginnen, nicht danach.

Wenn kein neuer Kollektivvertrag zustande kommt

Dann gilt der alte weiter. § 13 ArbVG ordnet die Nachwirkung an: Die Rechtswirkungen bleiben nach dem Erlöschen für die davon erfassten Arbeitsverhältnisse so lange aufrecht, bis ein neuer Kollektivvertrag wirksam wird oder mit den betroffenen Arbeitnehmern eine neue Einzelvereinbarung geschlossen wird.

Praktisch heißt das: Ein Scheitern der Verhandlungen lässt Ihr Gehalt nicht auf null fallen, es friert die alten Werte ein. Die Nachwirkung schützt aber nur bestehende Arbeitsverhältnisse - wer neu eintritt, während kein Kollektivvertrag gilt, kann sich nicht darauf berufen.

Häufige Fragen

Woher weiß ich, welcher Kollektivvertrag für mich gilt?

Aus dem Dienstzettel und aus der Auflage im Betrieb, die nach § 15 ArbVG verpflichtend ist. Maßgeblich ist die Fachgruppenzugehörigkeit des Arbeitgebers, nicht Ihre Tätigkeit - deshalb gilt für eine Buchhalterin im Hotel der Hotel- und Gastgewerbe-KV.

Gilt der Kollektivvertrag auch ohne Gewerkschaftsmitgliedschaft?

Ja. Nach § 12 ArbVG (Außenseiterwirkung) treten die Rechtswirkungen auch für Arbeitnehmer ein, die selbst nicht kollektivvertragsangehörig sind. Es genügt, dass der Arbeitgeber es ist.

Muss mein Gehalt steigen, wenn der KV erhöht wird?

Nur bis zur neuen Untergrenze. Liegt Ihr Ist-Gehalt darüber, besteht kein Anspruch auf die Erhöhung, sofern die Kollektivvertragsparteien keine Ist-Lohn-Erhöhung vereinbart oder Sie eine Anpassung im Arbeitsvertrag festgeschrieben haben.

Kann mein Arbeitsvertrag schlechtere Regelungen enthalten als der KV?

Nein. Nach § 3 ArbVG sind Sondervereinbarungen nur gültig, soweit sie günstiger sind oder Angelegenheiten betreffen, die der Kollektivvertrag nicht regelt. Geprüft wird im Gruppenvergleich sachlich zusammenhängender Bestimmungen.

Was kann ich tun, wenn ich falsch eingestuft bin?

Die tatsächlich ausgeübte Tätigkeit mit der Beschreibung der Verwendungsgruppen im eigenen Kollektivvertrag vergleichen und die Differenz schriftlich einfordern. Wichtig ist die Frist: Kollektivvertragliche Verfallsfristen sind oft deutlich kürzer als die dreijährige Verjährung nach § 1486 Z 5 ABGB.

Gibt es Branchen ganz ohne Kollektivvertrag?

Ja, die Wirtschaftskammer nennt etwa Freizeit- und Vergnügungsbetriebe. Dort richtet sich die Entlohnung nach der schriftlichen Vereinbarung - was mangels Tabelle im Streitfall schwer zu bestimmen ist und die schriftliche Festlegung des Gehalts umso wichtiger macht.

Quellen

Stand: August 2026. Rechtsgrundlagen: §§ 2, 3, 12, 13 und 15 Arbeitsverfassungsgesetz (ArbVG), § 29 Lohn- und Sozialdumping-Bekämpfungsgesetz (LSD-BG), § 1486 Z 5 ABGB. KV-Werte: Abschlüsse mit Geltung ab 1. Jänner 2026.